Die Menschen sind noch widerwärtiger als sie sind.
Wölfe entnehmen
Wölfe werden nur entnommen, nicht geschossen. Das erleichtert die Entnahme erheblich.
Mit Fragen des Gegenstands und dessen Erkenntnis schlägt sich die Philosophie seit zweieinhalbtausend Jahren herum. Oder auch länger. Der von mir grundsätzlich nicht geschätzte Gottesanbeter Thomas von Aquin (1) versuchte sich, wie die meisten Philosophen, an einer Definition von Wahrheit und gelangte zu folgendem Satz: „Wahrheit liegt in der Übereinstimmung von Gegenstand und Erkenntnis“. (2)
Dem kann ich etwas abgewinnen. Vom Standpunkt menschlicher und somit streng subjektiver Betrachtung aus beurteilt, scheint mir der Satz mit seiner inhaltlichen Definition von Wahrheit richtig zu sein. Aber eben nur vom Standpunkt menschlicher Betrachtung aus. Was aber, wenn der Standpunkt menschlicher Betrachtung verlassen und ein – soweit möglich – objektiver Standpunkt eingenommen wird? Ist er dann auch noch richtig?
Das Problem ploppte auf, nachdem ich eine Kolumne von Sophie Maltzahn in Cicero 1/2026 gelesen hatte. Maltzahn ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Cicero ist eine in Berlin erscheinende deutsche, streng neoliberal ausgerichtete Monatszeitschrift. Ich habe sie seit etwa zehn, vielleicht auch schon fünfzehn Jahren abonniert. Abseits der neoliberalen Ausrichtung erscheint sie sehr intellektuell.
Von Maltzahn entstammt deutschem Ur- und Hochadel, der zurückverfolgbar ist bis ins 12. Jahrhundert. Sie lebt, wie ich gelegentlich auch, irgendwo in Kärnten.
Was ich unten geschrieben habe ist eine Reaktion auf diese Kolumne. Maltzahn tritt darin für den Abschuss von Wölfen ein. (3) Abschuss ist in diesem Zusammenhang jedoch kein geläufiger Begriff. Lieber sagt und schreibt man „Entnahme“. „Entnahme“ unterscheidet sich von Abschuss durch rein gar nichts, klingt aber weniger martialisch. Gegenüber sensiblen Geistern ist „Entnahme“ leichter durchzusetzen als „Abschuss“. Und auf das Durchsetzen kommt es letztlich an!
Ich unternahm den Versuch, den subjektiv-menschlichen Standpunkt zu verlassen – durchaus im Bewusstsein, dass das nur sehr beschränkt möglich ist. Doch versuchte ich, mich in die Position eines Raumfahrers zu versetzen. Eines Raumfahrers, der, in der Entwicklung vielleicht zehntausend Jahre weiter als die Menschheit, von einem entfernten Planeten daher geflogen kommt, interessiert und aufmerksam die Erde betrachtet und sich dabei seine Gedanken macht.
Das hat mir böse Kritik beschert. So etwas wie ein Menschenvernichter sei ich, einer, der die Menschheit ausrotten will, ein potentieller Massenmörder übelster Sorte. Meine Existenz habe ich zu bereuen.
Nun ja, in jedem Fall verorte ich mich einer anthropofugalen Philosophie (4) näher als der Anthropozentrik nahezu aller weihrauchgeschwängerten, gottesfürchtigen Denker seit der Antike. Aber als Menschenvernichter verstehe ich mich nicht. Eher als aufmerksamer Beobachter und gelegentlicher Kommentator von aus meiner Sicht ethisch unvertretbaren menschlichen Entwicklungen und Positionen. Und durchaus auch als Apologet von Jonathan Swifts „A Modest Proposal“ . (5)
Damit sind wir beim eigentlichen Problem: Was ist ethisch vertretbar, was unvertretbar? Aber nicht nur vom Standpunkt subjektiv-menschlicher Interessen, sondern auch vom Standpunkt eines etwas objektiveren Betrachters, also beispielsweise eines weiter- und höher entwickelten Außerirdischen, der den Planeten Erde einigermaßen nachdenklich betrachtet.
Machen Sie sich also selbst ein Bild! Aber verlieren Sie dabei nicht aus den Augen: Die Welt darf nicht nur subjektiv-menschlich betrachtet werden! Auch Tiere empfinden ihr Leben, gleichermaßen dessen Bedrohung, dessen Verlust und körperliche und seelische Schmerzen. Ganz intensiv sogar und gar nicht anders als Menschen. Aber um diese völlig offenkundige und unbestrittene Tatsache überhaupt zu erkennen und erst recht, um daraus Schlüsse zu ziehen, bedarf es schon wieder des Verlassens des subjektiv-menschlichen und der Einnahme eines objektiveren Standpunkts.
Also reißen Sie sich bitte zusammen!
Fußnoten:
(1) * 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino in Italien; † 7. März 1274 in Fossanova;
(2) Im Original: „Veritas est adaequatio rei et intellectus“ Das lateinische Wort intellectus steht für 'Erkenntnisvermögen', 'Einsicht' oder 'Verstand'.
(3) Hintergrund: Weltweit gibt es etwa 170.000 Wölfe, in ganz Österreich etwas über 100. Die sollen jetzt ausgerottet werden.
Dem stehen 8,2 Milliarden Menschen weltweit und 9,2 Millionen in Österreich gegenüber. Tendenz stark steigend in Richtung 10 Milliarden weltweit und etwa 10 Mio in Österreich in mehr oder weniger 15 Jahren.
(4) Ulrich Horstmann 'Das Untier. Konturen einer Philosophie der Menschenflucht', Verlag Johannes G. Hoof, Warendorf 2010.
(5) Jonathan Swift: Ein bescheidener Vorschlag - Satiren über Armut, Macht und Vergänglichkeit, Liwi Literatur- und Wissenschaftsverlag, Göttingen 2025. Auch der Ausspruch im Epigraph stammt von Jonathan Swift.
Liebe Frau Maltzahn,
in Ihrem Kommentar zu den Wölfen in Kärnten haben Sie – leider, leider – das Wesentlichste übersehen:
Nicht nur die Wölfe vermehren sich! Noch eine Art vermehrt sich und zwar ganz schrecklich. Darüber gibt es präzise Aufzeichnungen, schon seit mehr als hundert Jahren. Diese Art vermehrte sich in Österreich von etwa 6,4 Mio (1920) auf etwa 9,2 Mio (dato). In Kärnten habe ich nur eine bescheidene Statistik gefunden: von 526.759 im Jahr 1971 auf 570.095 im Jahr 2021.
Was mit der Vermehrung dieser Spezies einhergeht, kann ich hier natürlich nicht schreiben, aber in Schlagworten: Zerstörung von Lebensraum, Ausrottung von Arten in nie dagewesenem Ausmaß. Auch in Österreich. Auch in Kärnten.
Es ist also eine ganz böse Art, die sich da vermehrt. Wie Ungeziefer vermehrt sie sich. In Kärnten etwas weniger als anderswo, aber auch ganz ordentlich. Falls Sie sich näher informieren wollen: Schauen Sie in die Rote Liste der IUCN! Die IUCN ist die International Union of Nature and Natural Resources. Schauen Sie auch in die Publikationen des Weltbiodiversitätsrats IPBES und die Internetplattform https://www.artensterben.de. Sie werden staunen! Und lernen!
Aber zurück zu den Wölfen: Ich bin ein klitzekleiner Forstwirt. Meilenweit entfernt von Ihrer Liga. Gleich neben dem Bezirk Hermagor, wo bisher, wenn man Medien glauben darf, schon mehr als 30 Wölfe entnommen wurden. Kann ich verstehen.
In meiner Gemeinde dürfen Kinder nicht mehr in den Wald zum Pilze Suchen – Schwammerlklauben sagt man in Kärnten. Sie dürfen auch sonst nichts mehr suchen im Wald, Beeren zum Beispiel, oder Kräuter. Ja nicht einmal mit dem Hund dürfen sie alleine in den Wald! Ein großer Verlust, verglichen mit meiner Kindheit.
Also: Den bösen Wolf dem Wald entnehmen, damit wieder Ruhe einkehrt. Ich bin nicht einmal so sehr dagegen. Alleine und unbewaffnet traue ich mich nämlich auch nicht mehr in den Wald. Nicht einmal zu den eigenen Grundstücken, um deren Gedeihen zu überwachen, was ich forstrechtlich sogar muss – wegen der Gefahr des Borkenkäferbefalls. Der Borkenkäferbefall hat mir 2023 an die dreißigtausend Euro Schaden beschert. Wegen der Trockenheit. Die Trockenheit grassiert wegen des Klimawandels. Und den Klimawandel verantwortet die sich wie Ungeziefer vermehrende Spezies, von der ich oben geschrieben habe. Weltweit vermehrte sie sich von ca. 1 Milliarde um 1800 auf über 8 Milliarden heute.
Solcher Zahlen schafft nur Ungeziefer, das noch viel schlimmer wütet als der Wolf! Viel, viel schlimmer! Und da schließt sich der Kreis:
Also, liebe Frau Maltzahn: Wie halten wir es? Wölfe entnehmen? Ok!
Und die sich ungezieferartig vermehrende Spezies, die ein Vielfaches von dem Schaden anrichtet, den Wölfe anrichten? Wenn man genau genug hinschaut wütet sie viel brutaler als Wölfe.
Auch entnehmen? Für 25 entnommene Wölfe 50 von dem Ungeziefer? Wäre mein Vorschlag.
Was halten Sie davon? Schreiben Sie doch darüber!
Freundliche Grüße, Ihr
Max Mustermann